Auf dem Düsseldorfer Diabetes-Tag am Samstag, 30. August 2025, haben sich mehr als 850 Menschen über die Volkskrankheit Diabetes informiert. Die vier wichtigsten Kernergebnisse aus Vorträgen von Expertinnen und Experten des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ).
Inhalt:
- Warum soziale Medien nicht immer die besten Informationsquellen für Menschen mit Diabetes sind
- Warum Palmöl Entzündungen in der Leber auslösen kann
- Wie Sport bei Typ-1-Diabetes sicher realisierbar ist
- Wie die Präzisionsmedizin die Diabetes-Therapie verändert
Gefährliche Halbwahrheiten: Diabetes-Mythen in Sozialen Medien
Wundersame Leberreinigungen, angeblich wirkungslose Diabetes-Medikamente und das Versprechen, Typ-1-Diabetes rein mit Ernährung heilen zu können. Videos wie diese sind zunehmend in den sozialen Medien zu finden. Die Absender sind häufig Menschen ohne fundierte medizinische Ausbildung. Trotz fragwürdiger Inhalte erreichen sie ein Millionenpublikum. Denn immer mehr Deutsche nutzen das Internet, um sich über Gesundheit oder Krankheiten zu informieren – auch zur Volkskrankheit Diabetes. Der Vorteil: die Informationen sind schneller verfügbar als ein Arzttermin und nur wenige Klicks entfernt. Der Nachteil: Jeder kann Beiträge ins Internet stellen, aber auf Seiten der Zuschauer fehlt nachweislich die Kompetenz, diese Inhalte kritisch einzuordnen: „Viele Menschen konsumieren soziale Medien ohne den Inhalt zu hinterfragen, falsche Informationen erkennen sie nicht“, betonte Maximilian Huttasch, der Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am DDZ ist, in seinem Vortrag auf dem Düsseldorfer Diabetes-Tag. 75 Prozent der Erwachsenen haben Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen: Sie können Informationen zu Krankheitsbehandlung oder -vorbeugung nicht gezielt finden, richtig verstehen, kritisch bewerten oder korrekt anwenden – das zeigt eine Studie der Technischen Universität München aus dem Jahr 2024. Huttasch hat es sich deshalb als Content Creator auf Instagram selbst zur Aufgabe gemacht, über Gesundheitsmythen im Internet aufzuklären und mahnt allgemein zur Vorsicht: „Einfache, schnelle Lösungen für komplexe Krankheitsbilder klingen oft verlockend – müssen aber immer zum kritischen Nachdenken anregen.“ Änderungen des Lebensstils oder von Medikamenten sollten immer mit Ärztinnen und Ärzten abgesprochen werden.
Eine einzige palmölreiche Mahlzeit senkt die Insulinsensitivität vorübergehend um bis zu 30 Prozent
In Deutschland leiden etwa 65 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes an einer MASLD (früher auch: nicht-alkoholische Fettlebererkrankung). Dabei lagert sich Fett in den Leberzellen ein, auch ohne übermäßigen Alkoholkonsum – das Frühstadium eines möglichen Leberschadens und der Motor für Insulinresistenz und Diabetes. Die Erkrankung stellt auch in Deutschland ein erhebliches Gesundheitsproblem dar, besonders in Verbindung mit Übergewicht, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen – also bei einer sogenannten metabolischen Dysfunktion.
Häufige Ursachen sind Bewegungsmangel, genetische Veranlagung und ungesunde Ernährung. Insbesondere gesättigte Fette, etwa aus Palmöl in stark verarbeiteten Fertigprodukten oder aus fettreichen tierischen Lebensmitteln (Wurstwaren, Innereien, Butter), fördern Leberverfettung. „Studien zeigen, dass bereits eine einzige palmölreiche Mahlzeit die Insulinsensitivität vorübergehend um bis zu 30 Prozent senken und Leberfettgehalt steigern kann“, betonte Prof. Michael Roden, wissenschaftlicher Geschäftsführer und Sprecher des Vorstands des DDZ sowie Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Palmöl ist vor allem in hochverarbeiteten Fertigprodukten oder Süßigkeiten enthalten.
Ungesättigte Fettsäuren, etwa aus Olivenöl und Nüssen oder Omega-3-Quellen wie Fisch und Leinöl, wirken entzündungshemmend und verbessern den Glukose- und Fettstoffwechsel. Eine ausgewogene, gesunde Ernährung kann nicht nur die Leberverfettung reduzieren, sondern je nach Stadium auch Typ-2-Diabetes teilweise umkehren. Besonders empfehlenswert ist die Mittelmeerkost mit viel Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchte, Fisch und kaum hochverarbeitete Produkte. Zusätzlich sind regelmäßige Bewegung, der Verzicht auf Alkohol und Tabak sowie ein gesundes Körpergewicht entscheidend. „Bei übergewichtigen Menschen kann bereits eine Gewichtsreduktion von fünf bis sieben Prozent den Leberfettgehalt deutlich senken. Bei mehr als 10 Prozent Gewichtsverlust sinkt auch das Risiko für Narbenbildung (Fibrose) der Leber deutlich“, erklärte Roden auf dem Düsseldorfer Diabetes-Tag.
Lässt sich eine Leberverfettung durch eine Lebensstiländerung nicht stoppen oder umkehren, kommen verschiedene Medikamente infrage. Neue Wirkstoffe sind diesbezüglich vielversprechend: In der EU wurde mit Resmetirom erstmals ein Medikament speziell für fortgeschrittene Stadien der Erkrankung (Steatohepatitis) zugelassen. Auch der GLP-1-Rezeptoragoniste Semaglutid ist gerade in den USA für diese Erkrankung zugelassen worden. Darüber hinaus kann auch die Adipositas-Chirurgie nicht nur das Körpergewicht senken, sondern auch die Fettleber und sogar Narbengewebe (Fibrose) deutlich verbessern.
Sport bei Typ-1-Diabetes: „Mit Planung, Beobachtung und Erfahrung ist sportliche Aktivität sicher realisierbar“
Können sich Menschen mit Typ-1-Diabetes genauso aktiv bewegen wie stoffwechselgesunde Menschen, ohne dabei Risiken für Ihre Gesundheit einzugehen? Dazu gab es von Dr. Clara Möser, Assistenzärztin an der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie des Universitätsklinikums Düsseldorf, ein klares Ja. Die American Diabetes Association (ADA) gibt hier konkrete Empfehlungen für Menschen mit Diabetes. „Und zwar pro Woche 150 Minuten und mehr Bewegung in moderater Intensität, aufgeteilt auf mindestens drei Tage – und damit nicht anders als für stoffwechselgesunde Menschen empfohlen“, erklärte Möser in ihrem Vortrag. An mindestens zwei Tagen pro Woche werden zudem muskelkräftigende Aktivitäten empfohlen.
Ein wichtiger Unterschied: Die Intensität der Bewegung sollte bei Menschen mit Typ-1-Diabetes an die Blutglukose sowie die Nahrungsaufnahme und Insulintherapie angepasst werden, um Unter- oder Überzuckerungen zu vermeiden. Bei einem Blutglukosespiegel von unter 90 mg/dl empfiehlt Möser, die am DDZ promoviert hat, mit sportlicher Aktivität zu warten und zunächst Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Ein Blutglukosespiegel zwischen 90-126 mg/dl ist ideal für anaerobes Training, denn hier sinkt der Blutglukosespiegel weniger stark als bei aerobem Training. „Bei Blutglukosewerten zwischen 126-180 mg/dl hat man die freie Wahl, sowohl aerobes als auch anaerobes Training funktionieren sehr gut“, weiß Möser. Liegt die Blutglukose höher, wäre aerobes Training wie langsames Joggen, Radfahren oder Schwimmen ratsamer, um durch die Aktivierung der Skelettmuskelzellen den muskulären Energieverbrauch zu erhöhen und einen weiteren Anstieg der Blutglukose zu vermeiden. Bei Blutglukosewerten von über 270 mg/dl ist besondere Vorsicht geboten. Insulinmangel birgt das Risiko einer diabetischen Ketoazidose, einer Übersäuerung des Körpers, die durch die verstärkte Bildung von Ketonkörpern im Fettstoffwechsel entsteht und unbehandelt schnell lebensgefährlich werden kann.
„Mit Typ-1-Diabetes erfordert Sport mehr Planung und Beobachtung – doch mit zunehmender Erfahrung lassen sich nahezu alle sportlichen Aktivitäten sicher realisieren“, weiß Möser. Schnellwirkende Kohlenhydrate wie Traubenzucker, Saft, ein Kohlenhydratgel oder Energieriegel, aber auch Insulin, sollten bei sportlichen Aktivitäten in der Tasche allerdings nie fehlen.
Diabetes ist nicht gleich Diabetes: Subtypen ebnen den Weg für individuelle Therapien
Eine Diagnose, eine Standardtherapie – diese Annahme ist in der Diabetologie längst überholt. Denn die Ursachen, der Krankheitsverlauf und die Risiken für Folgeerkrankungen können bei Menschen mit Diabetes sehr unterschiedlich sein. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Diabetes in verschiedene Subtypen einteilen lässt. Die Gruppen unterscheiden sich durch unterschiedliche Mechanismen – etwa eine gestörte Insulinproduktion, eine ausgeprägte Insulinresistenz oder andere Stoffwechselstörungen. „Dieser Ansatz verändert die Diabetologie. Denn dadurch können Diabetologinnen und Diabetologen nicht nur die Therapien gezielter anpassen, sondern auch besser abschätzen, welche Folgeerkrankungen am wahrscheinlichsten sind“, erklärte Prof. Robert Wagner, Leiter des Klinischen Studienzentrums am DDZ.
Parallel dazu stehen heute ganz neue Medikamente zur Verfügung, die die Behandlung von Typ-2-Diabetes stark verändert haben – zum Beispiel Darmhormon-Präparate, weitläufig bekannt als die Abnehmspritze. Doch nicht jeder Mensch mit Diabetes braucht diese modernen Wirkstoffe. Viele profitieren weiterhin von etablierten Medikamenten wie Metformin, das den Blutglukosespiegel senkt, oder von einer Insulintherapie. „Dank der Subtyp-Einteilung lässt sich künftig viel präziser entscheiden, wer welche Therapie benötigt. Noch ist dieses Konzept nicht Teil der offiziellen Leitlinien, doch langfristig könnte die individualisierte Therapie den Standard in der Diabetologie darstellen“, betonte Wagner.
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